Underground

Südfrikanische Underground Comix

Das Comic-Subgenre Underground Comix war Resultat einer jahrzehntelangen Entwicklungsphase, die sich im Spannungsfeld von Zensur und der Definition bzw. Anerkennung legitimer Kunst bewegte.

 

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert dominierten vor allem die Superhelden der beiden Hauptverleger Marvel und DC und die Funny Animals der Walt Disney Company die Comiclandschaft in den USA. Die Comics folgten dem klassischen dichotomen Narrativ von Gut und Böse und vermittelten dadurch eine Art von Moral an ihre primär junge Leserschaft. Horror- und Kriminalcomics richteten sich dann verstärkt an eine erwachsene Leserschaft. Die Gewaltdarstellungen waren mit zunehmender Verbreitung jedoch auch starker Kritik ausgesetzt. Als Folge richteten Comicverleger 1954 die Comics Code Authority (CCA) ein, die jegliche Darstellung von Nacktheit, Horror, Blutvergiessen und kriminellen Gräueltaten in Comics verbot.[39]

 

Während bereits in den sogenannten Tijuana Bibles[40] Comics, die Gewalt und Pornografie enthielten, widerrechtlich (oft auch wegen Urheberrechtsverletzungen) vertrieben wurden, läutete die Zensur durch die CCA eine Produktionswelle illegaler Comics ein. Sie nannten sich Comix. Der Auslaut von Comics wird wie ein x ausgesprochen und in Comix auch ausgeschrieben, um auf den expliziten Inhalt hinzuweisen. Neben den Veröffentlichungen von Underground Comix in Zeitschriften vermehrten sich satirische und explizite Comics in College Humour Magazines; sie wurden unter dem Tisch in Musikgeschäften und headshops[41] verkauft, und so wurden Comix bald zu einem festen Bestandteil der counter culture[42] und Punkszene der 1960er- und 1970er-Jahre.

 

Abb. 1: Eines von Kannemeyers jüngsten Werken: My Nelson Mandela behandelt seine augenöffnenden Erfahrungen in Europa. Joe Dog: My Nelson Mandela. In: Kannemeyer, Anton: Pappa in Doubt. Auckland Park 2015, S. 7.

Auch das Südafrika der 1990er-Jahre bot einen perfekten Nährboden für ein satirisches und gesellschaftskritisches Comic-Genre. Die südafrikanischen Underground Comix Bitterkomix werden seit 1992 von Anton Kannemeyer und Conrad Botes herausgegeben und mitverfasst. Sie sind die Kinder einer Generation weisser SüdafrikanerInnen, deren Lebensstil und Unterstützung des Apartheid-Regimes die primäre Zielscheibe von Bitterkomix sind. Sowohl Kannemeyer alias Joe Dog als auch Botes alias Konradski wuchsen in typisch weiss-südafrikanischen Städten auf[43] – abgeschieden und beherrscht von der dogmatischen Weltsicht der Niederländisch-reformierten Kirche. Die Erziehung und Schulbildung waren repressiv und autoritär, geprägt von Gewalt, Moralisierung, sexueller Unterdrückung und Tabuisierung.

 

Beide Autoren erkannten erst während des gemeinsamen Studiums der Schönen Künste an der Universität Stellenbosch (sowie während Auslandaufenthalten) die durch die Apartheid hervorgerufenen Missstände in ihrem Land. Gleichzeitig wurden sie sich der Problematiken innerhalb ihres familiären Umfeldes sowie der gesellschaftlichen Werte und Lebenspraktiken der Buren bewusst.[44] Sie setzten sich zum Ziel, mit visueller Kunst die konservative südafrikanische Gesellschaft zu konfrontieren, zu schockieren und letztlich einen Aufschrei zu erzeugen. Im Zentrum der Kritik stehen vor allem das religiöse Wertesystem, gesellschaftliche Ideologien, die familiäre Hierarchie sowie die konservativen Ausprägungen des Schulsystems. Ein zentraler Bestandteil ist auch die Selbstkritik, die besonders in den autobiografischen und selbstreflexiven Elementen der Bitterkomix hervortritt.

 

Kannemeyer verwendet wiederholt den vom Tim-und-Struppi-Zeichner Hergé entwickelten Ligne-claire-Stil. Dieser eignet sich aufgrund seiner starken Schwarzweisskontrastierung und geradlinigen Einteilung gut, um die Apartheid-Ära visuell zu thematisieren. Zum Beispiel ermöglicht der Ligne-claire-Stil die Verwendung von ikonografisch überzeichneten Figuren, die mit dem naturalistisch dargestellten Hintergrund kontrastieren.

 

Abb. 2: Das Cover von Bitterkomix 17 spielt auf die Studentenproteste an den Universitäten in Südafrika an (2016). Joe Dog: 16 Februarie 2016. In: Bittercomix 17, Titelblatt.

Das Cover der neusten Ausgabe Bitterkomix 17 zeigt eine freudige, alkoholisierte Gruppe schwarzer südafrikanischer Studierender, die um ein Feuer tanzt, in dem Exemplare von Bitterkomix verbrannt werden, aber auch ein Gemälde, das einen weissen Südafrikaner zeigt, der auf dem Bild angesichts der Zerstörung weint. Das Cover spielt auf die Studentenproteste an, die 2015 und 2016 durch die Erhöhung der Studiengebühren und die fehlenden staatlichen Subventionen im Bildungsbereich unter dem Begriff #FeesMustFall ihren Ausdruck fanden. So kam es an der University of Cape Town (UCT) zu grossen Verbrennungsaktionen von auf dem Campus aufgehängten Gemälden, die von den Studierenden als Inbegriff kolonialer Strukturen wahrgenommen wurden. Das Gemälde mit dem weinenden weissen Mann auf dem Cover stellt laut Kannemeyer den archetypischen Kolonialisten dar. Als Kunst gerade noch konserviert, wird er mit der Verbrennung der Kunstwerke mitsamt aller weissen patriarchalen Strukturen zerstört. Kannemeyer arbeitet hier bewusst mit Ironie: Im Unterschied zu den Vorkommnissen an der UCT werden auf dem Cover von Bitterkomix 17 aber nicht nur Gemälde von weissen südafrikanischen Künstlern verbrannt, sondern auch Anti-Apartheid-Kunst wie Bitterkomix. Kannemeyer prangert nicht nur die teilweise ziellose Zerstörung von Kunst durch die Studierenden an, sondern auch die darauffolgende Zensierung weiterer Kunstwerke durch die UCT selbst. [45]

 

So gesehen hat sich die Perspektive von den Machern von Bitterkomix verändert. Waren es während der 1990er-Jahre noch die weissen Apartheid-Strukturen, die satirisch beäugt und zeichnerisch angeprangert wurden, so sind es heute allgemeine öffentliche Institutionen und die umstrittene ANC-Regierung, die kritisch hinterfragt werden.

 

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