Mbaqanga

Von Township Jazz zu südafrikanischer Pop-Musik

Der Klang des städtischen Südafrikas wird oft als Township Jazz zusammengefasst. Jedoch veränderte sich dieser in seiner Grundform in den 1950er und frühen 1960er Jahren und brachte Mbaqanga hervor. Dieses Genre entstand aus Kwela, Marabi, afrikanischem und amerikanischem Jazz.[39] Zu den ersten Mbaqanga-Gruppen zählen Mahlathini and the Mahotella Queens, bestehend aus dem Leadsänger Simon „Mahlathini“ Nkabinde, dem Terzett der Mahotella Queens und der Makgona Tsohle Band. Ihre berühmtesten Werke sind Meet the Mahotella Queens, Indoda Mahlathini und Marena[40]. Sie imitierten zunächst amerikanischen Jazz und entwickeln mit der Zeit ihren eigenen Sound mit afrikanischen Einflüssen. Mbaqanga ist das Zulu-Wort für Teigtasche und wurde ursprünglich von konservativen Populisten verwendet, um die rohe, unverfälschte Musik zusammenzufassen; diese Namensgebung wurde im Laufe der Zeit auch von den Künstler/innen übernommen.[41] Zu den Hauptelementen gehören Gospel-Piano-Akkorde, Akustikgitarren, Kontrabässe, Saxophone, Drums und ein Groove mit einem leichten Rhythmus. Vorerst wird ein männlicher Lead von einem weiblichen Quartett begleitet.[42] Das Quartett verleiht oft eine sinnliche Note, die an amerikanische Bands der 1940er und 1950er Jahre erinnert. In den 1970ern finden sich auch männliche Leads mit männlichem Chor, die einen sanfteren Ton haben. Diese Bands fallen in die Kategorie des Mbaqanga-Souls. Später gab es auch Bands mit weiblichem Lead, wie beispielsweise Izintombi Zesi Manje Manje.

 

The Mahotella Queens – Johannesburg 1991, TJ Lemon. Meintjes, Louise: Sound of Africa! Making Music Zulu in a South African Studio. Durham/ London 2003, S. 219.

Die bedrückende Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung während der Apartheid ist in den Mbaganga-Songs nicht zu hören. Es gibt keine Wut, Resignation oder Selbstmitleid, wie man sie zum Beispiel im amerikanischen Blues finden kann. Die neue, rhythmische Musikrichtung ist apolitisch in einem von Apartheid geprägten Südafrika.[43] Sie passte sich den Vorschriften der Zensur an und gewann an Popularität.[44] Sie verband die energiereichen Melodien mit einer positiven Haltung und einer grossen Vorwärtsdynamik.[45] Die rebellische, ansteckende Energie der Künstler/innen animiert die Zuhörer/innen zum sorgenfreien Tanzen, selbst in den dunklen Zeiten der Apartheid. Der rhythmische Klang der Rebellion machte Mbaqanga so besonders.[46] Das Publikum für Mbaqanga bestand grösstenteils aus einheimischen Jazz-Liebhaber/innenn der Arbeiterklasse. Mbaqanga wird zur Grundform der musikalischen Nahrung, da sie zensurfrei gespielt werden kann und daraus resultiert auch sein grosser Erfolg in einer von Weissen kontrollierten Branche.

 

Izintombi Zesi Manje Manje – Johannesburg 1974, Jane Dlamini. Meintjes, Louise: Sound of Africa! Making Music Zulu in a South African Studio. Durham/ London 2003, S. 141.

In den 1970ern spitzte sich die Situation zwischen den städtischen Arbeiter/innen und den ländlichen Arbeitsmigrant/innen zu. Nach dem Soweto-Aufstand von 1976 gingen die öffentlichen Auftritte von Mbaqanga-Bands in den Townships zurück und Aufführungsorte wurden geschlossen.[47] Die Künstler/innen konnten für eine längere Zeit weder in der Stadt noch auf dem Land Fuss fassen[48]. In den 1980ern kamen Popmusik und neue Musikrichtungen auf, die Mbaqanga in den Hintergrund drängten. Viele Bands passten sich gezwungenermassen den neuen Richtungen an, verloren dabei jedoch nicht ihren signifikanten Sound.

 

Paul Simon brachte 1986 eine Gruppe von Township-Musiker/innen zusammen. Das Produkt dieser Zusammenarbeit war das millionenfach verkaufte Graceland-Album, auf welchem grösstenteils Mbaqanga-Musik zu finden ist und zudem mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. Nach der Apartheid erlebt Mbaqanga einen erneuten Aufschwung. Die frühen internationalen Karrieren von Miriam Makeba und Hugh Masekela haben ebenfalls ihre Wurzeln in Mbaqanga.[49] Eine weitere nennenswerte Künstlerin ist Yvonne Chaka Chaka. Ihr Hit I’m in Love With a DJ gehört zum Subgenre Bubblegum.

 

 

Mahlathini & The Mahotella Queens: Nyamphemphe, auf: Stanton, Phil (comp.): The Music of South Africa. The Rough Guide, World Music Network 1997. [Original: 1994]

 

Izintombi Zesi Manje Manje: Omzala Bakho, auf: The History of Township Music, Wrasse Records 2001. [Original: 1977]

 

 

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