Jazz

Die intellektuelle Mittelschicht und Amerikanische Populärkultur in Südafrika

Die Marabi-Subkultur stand in starkem Kontrast zu den Werten der sogenannten unterdrückten Elite Südafrikas, der afrikanischen Mittelstands-Bevölkerung mit meist missionarischem Bildungshintergrund. Diese verurteilte den Marabi und den zeitgleich aus Amerika importierten Jazz für deren Nähe zu Kriminalität und nichtchristlichen Werten.[20] Dabei traten sie in Konflikt mit den Hauptvermittlern/innen von Musik: den Musiklehrern und Musiklehrerinnen. Diese brachten ihren Schüler/innen nämlich vermehrt amerikanische Jazz-Hits bei, welche als modern empfunden wurden.[21] Namhafte afrikanische Intellektuelle sprachen sich gegen das Phänomen Marabi aus und förderten die durch die Missionen unterstützte chorale Tradition Südafrikas.[22]

 

Das berühmte Ensemble „Jazz Maniacs“. Hinten v.l.n.r.: Zekes Searbi, Vy Nkosi, Edward Sililo. Vorne v.l.n.r.: Jacob Moeketsi (am Klavier), Wilson Silgee, Solomon „Zuluboy“ Cele (Bandleader), Zakes Nkosi – ca. 1940–44, Fotograf/in unbekannt. Newitt, Ned: Zacks Nkosi. A Biography, <http://nednewitt.com/jazzsouthafrica /Biography.htm>, [02. 01. 2018].

Es bestand dabei auch ein zwiespältiges Verhältnis zur traditionellen Musik aus ruralen Gebieten Südafrikas. Viele urbane Menschen hatten noch starken Kontakt zu ihren Heimatorten, sowohl unter dem Proletariat als auch in bürgerlichen Kreisen.[23] Auf der einen Seite ehrten sowohl Marabi- (in Form der Zirkularität und durch die teilweise der traditionellen Musik entnommenen Melodien) als auch Choral-Stücke gewisse Elemente der traditionellen Musik, auf der anderen Seite wollten beide Gesellschaftsschichten sich auch bewusst als urban und modern inszenieren.[24] Zusätzlich gab es unter der intellektuellen Elite auch ein Dilemma: „Ursprüngliche“ Volkskultur zu betonen, war eine Methode des antikolonialen Kampfes und Teil des Repertoires einer jeden nationalen Bewegung. Andererseits wurde aber rurale Kultur ab den späten 40er Jahren von der Apartheid-Regierung gefördert, um vermeintliche „Rassenunterschiede“ hervorzuheben.[25] Das afrikanische intellektuelle Bürgertum hatte auch lange versucht, sich durch Assimilierung an europäische Kultur bessere Möglichkeiten im Kolonialsystem zu verschaffen und versuchte deshalb europäische, vierstimmige Harmonie in die bereits existierende Chor-Kultur einzubauen.[26]

 

Der Jazz kam in Form von Schallplatten aber auch in Form von tourenden Bands nach Südafrika. Viele bekannte Marabi-Musiker/innen schlossen sich Jazz-Ensembles an und zogen durch Shebeens und Tanzhallen, inner- und ausserhalb der Stadtgrenzen, mit amerikanischen Stücken, die man meist vom Hören her lernte.[27] Es kursierten auch zahlreiche Jazz-Arrangements beliebter Stücke in Tonic sol-fa-Notation.[28] Bald entstanden grössere Ensembles, welche in verschiedenen Kulturorten auftraten, von Konzert- und Tanzhallen (inner- und ausserhalb der Townships), über Shebeens und Schulen. Es etablierte sich eine Form von Abendunterhaltung: Die Concert and Dance-Abende.

 

„The three Jazzolomos“, v.l.n.r.: Jacob „Mzala“ Lepers, Sol „Beegeepee“ Klaaste, Ben “Gwingi” Mrewebi – Johannesburg 1953, Jürgen Schadeberg. Schadeberg, Jürgen: Sof’town Blues. Images from the Black ‘50s. Eigenverlag, Pinegowrie 1994, S. 105.

 

Ab den 40er Jahren breitete sich, durch zunehmende Begeisterung für amerikanische Kulturprodukte und vor allem für die Errungenschaften von Afroamerikaner/innen in der US-Kulturszene, die man als Vorbild für eigene Bestrebungen nach Gleichstellung sah, die Begeisterung für Jazz auch bei der bürgerlichen Oberschicht aus; dabei aber eher in Form des grossen Ensembles und der Concert and Dance-Abende als in Form wilder Marabi-Partys.[29] Vom Jazz und der afroamerikanischen Kultur versprach man sich ungeahnte Höhen erreichen zu können[30], weshalb viele Künstler/innen und Ensembles alles daran setzten, genauso zu spielen wie die US-Vorbilder.[31] Es folgten ad absurdum Vergleiche zwischen südafrikanischen und amerikanischen Künstler/innen (der südafrikanische Fats Waller, die südafrikanische Etta James, der südafrikanische Louis Armstrong, etc.).[32] Viel wichtiger war aber, dass die urbane Musikkultur in Verbindung mit den USA dazu führte, afroamerikanische Erfolge als afrikanische Erfolge zu feiern und so Gleichheitsbestrebungen gestärkt wurden.[33] Die urbane Kultur lebte von diesem Zwiespalt zwischen Betonung der Wurzeln, Aufrechterhalten von Traditionen in einem neuen sozialen Setting und Wandel hin zu einer kosmopolitischen Identität als Städter/in.

 

 

The Merry Blackbirds: iChain Covers, auf: Ballantine, Christopher (comp.): Marabi Nights. Historic Recordings (Begleit-CD), University of KwaZulu-Natal Press 2012. [Original c. 1934]

 

Zuluboy And His Jazz Maniacs: Izikhalo Zika Zuluboy, auf: Ballantine, Christopher (comp.): Marabi Nights. Historic Recordings (Begleit-CD), University of KwaZulu-Natal Press 2012. [Original c. 1939]

 

 

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