Die Vermessung des Hungers: Plädoyer für eine historische Anthropologie der Globalisierung

Die Vermessung des Hungers: Plädoyer für eine historische Anthropologie der Globalisierung

Seminar

Location: Basler Afrika Bibliographien, Klosterberg 23, 4001 Basel

Di. 25.04.2017, 18:15-20:00

Die Vermessung des Hungers: Plädoyer für eine historische Anthropologie der Globalisierung

Vortrag von Joël Glasman im Rahmen des Forschungskolloquiums "African History" des Departments Geschichte der Universität Basel. Der Abend wird von den Basler Afrika Bibliographien organisiert.

Weltweit leiden 20 Millionen Kinder an schwerer akuter Unterernährung, schätzen die Nahrungsexperten der Unicef. Sie fügen sofort hinzu: Unterernährung ist ein lokales und kontextabhängiges Phänomen. Es gibt kaum Pathologien die sich schwerer vergleichen lassen als Unterernährung. Hunger nimmt – auf Grund von genetischen Veranlagungen, Essgewohnheiten und Lebensweisen – so unterschiedliche Formen an, dass ein untrainiertes Auge kaum zwischen dem pathologischen und dem normalen Fall unterscheiden kann. Wie soll Hunger dann „global“ erfasst und bekämpft werden? Nahrungsexperten entwerfen Techniken, die Unterernährung vergleichbar und quantifizierbar machen.

Das MUAC–Bändchen (die Abkürzung steht für ‚Mid-Upper Arm Circumference‘) ist eines der meist benutzten Gegenstände der humanitären Hilfe. Es ist ein ca. 35 cm langer Plastikstreifen, der um den Oberarm eines Kindes gewickelt wird, und durch einen Farbcode den Ernährungszustand andeutet: Grün für normal, gelb für akute Unterernährung und rot für schwere akute Unterernährung. Das Bändchen wird von allen großen Hilfsorganisationen wie Unicef, Aktion gegen den Hunger oder Ärzte Ohne Grenzen eingesetzt.

Der Vortrag folgt den Spuren der Tropenärzte, die seit den 1960er Jahren am MUAC arbeiten. Dabei wird eine Form der Globalgeschichte auf den Prüfstand gesetzt, die das Globale nicht voraussetzt, sondern mikroskopisch rekonstruieren will. Die Geschichte des MUAC-Bändchens gibt den Anlass, über die Möglichkeiten und Grenzen einer historischen Anthropologie der Globalisierung zu diskutieren.

Joël Glasman ist Historiker an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im DFG-Projekt „Die Erfindung des Flüchtlingslagers“ untersucht er die Geschichte des Expertenwissens über Flüchtlinge. Letzte Veröffentlichung: (Hg., zusammen mit Debora Gerstenberger) Techniken der Globalisierung. Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld, transkript Verlag 2016.